Rennrad Club Druxs München e. V.

Von Seekönigen und Hügelhelden

Von Seekönigen und Hügelhelden
… oder auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Autor: Jürgen Weltin

Auch dieses Jahr nahm ich wieder am Zeitfahren King Of The Lake rund um den Attersee teil.
Nach zwei Laufmarathons (3:10 h in Rom und 3:27 h in Pauillac), einem 60 km Marsch und
einem 100 km Marsch (von der Menterschwaige nach Mittenwald) war ich heuer ausdauermäßig
für ein 47 km langes Zeitfahren eigentlich gut gewappnet. Der letzte Marathon war am
9. September und ab Mitte des Monats habe ich nur noch auf dem Zeitfahrrad trainiert.
Aber die Geschichte des diesjährigen King Of The Lake ist kurz erzählt: Termin also am
30. September, um 15:08:30 Uhr rolle ich in Schörfling von der Rampe. Aufgrund der letztjährigen
Erfahrung gebe ich in der ersten Hälfte noch nicht alles, um genügend Körner für
die zweite, schwierigere Hälfte zu haben. Außerdem bläst mir Wind entgegen, was aber eine
kleine Vorfreude auf Rückenwind im zweiten Abschnitt aufkommen lässt. Na ja, von wegen,
Pech gehabt. Trotzdem fühle ich mich während des ganzen Rennens gut, ich komme nicht aus
dem Rhythmus und fahre schön gleichmäßig. Leider gleichmäßig 1 km/h langsamer als im
Jahr zuvor. Irgendwo fehlt der entscheidende Bumms in den Beinen und ich rase mit einer Zeit
von 1:10 über die Ziellinie; zwei Minuten langsamer als letztes Jahr, vorgenommen hatte ich
mir, zwei Minuten schneller zu sein. Enttäuscht radel ich vom Ziel direkt zum nahe gelegenen
Auto, denn die nächste Jagd auf Zeit steht an. Dummerweise war dieses Rennen im Vergleich
zum Vorjahr um eine Woche verschoben worden – genau am Vortag der Eroica in Gaiole in
der Toskana, welche immer am ersten Oktobersonntag stattfindet. Und ich wollte unbedingt
beides fahren.

Kurz vor 17 Uhr bin ich also wieder auf der Autobahn, um mindestens um 1 Uhr morgens unten
in Gaiole zu sein. Über die Tauern, Villach, Udine und an Venedig vorbei gelingt es mir auch,
um viertel vor Eins des Sonntagmorgens mit dem VW-Bus in unmittelbarer Nähe des Starts
einen Platz zum Schlafen zu finden. Der Schlaf wird sehr kurz sein: der Wecker geht um 4 Uhr,
denn ich muss erst noch meine Startnummer unter Vorlage meines Ausweises abholen. Ein
bißchen was gefrühstückt und schon geht es um 5 Uhr los ins Abenteuer Eroica. Diesmal auf
meinem Vitus 979, das zusammen mit Alan das einzige Rennrad aus Aluminium ist, daß für die
Eroica zugelassen ist. Meinem Jacques Anquetil, mit dem ich im vorigen Jahr die Eroica bestritt,
habe ich nochmal so einen Gewaltritt nicht mehr zugetraut. Mit dem Vitus 979 bin ich Ende
August 209 km und 4500 Hm in den französischen Savoyen über fünf Pässe, u. a. den Col de
la Madeleine, gefahren, und daher hatte ich in diesen Oldie vollstes Vertrauen. Bei der Eroica
sind nur Rennräder zugelassen bis Baujahr 1987, einschließlich der Komponenten, Rahmenschaltung,
flache Felgen mit 32 Speichen und keine Klickpedale!
Für kein anderes Rennen würde ich um Fünf am Start stehen, bei der Eroica ist das aber
sinnvoll, möchte man auf der langen Tour noch in der Helligkeit ankommen. Außerdem nimmt
man so früh die einmalige Atmosphäre mit, beim ersten Anstieg zum Castello di Brolio die
links und rechts mit großen Kerzen beleuchtete Allee hinauf zu fahren. Das ist gleichzeitig auch
schon der erste Abschnitt der berühmten strade bianche. Und während dieses ersten Anstiegs
bemerke ich, daß es hier in der Toskana seit Monaten wohl nicht geregnet hat, so staubig und
sandig ist die Piste. Letztes Jahr hatte es in der Nacht geregnet, sodaß der Sand gut gesetzt,
aber trotzdem nicht matschig war. Wie fatal heuer dieser extrem trockene Zustand der strade
bianche war, bekomme ich gleich auf der Abfahrt von Brolio schmerzhaft zu spüren.
Im Schein meiner Lampe fahre ich den Abhang angesichts des losen Untergrunds ganz
langsam runter. Ich finde irgendwie keine richtige Fahrrille, auf der ich einigermaßen sicher
runterkomme, und ich ahne, daß das nicht gut gehen wird. Im Schritttempo rutscht schließlich
mein Vorderrad weg und ich versuche vergebens auf dem Rad zu bleiben. Den Rest dieses
Abhangs gehe ich, nachdem ich mich wieder aufgerappelt habe, zu Fuß runter. Mit einer
schmerzenden Hüfte und einem linken Ellbogen, aus dem das Blut ziemlich strömt. Als es etwas
flacher wird, setze ich mich wieder aufs Rad. Die Schmerzen halten noch einige Kilometer an,
aber als nach einer weiteren Stunde die Sonne langsam über den Hügeln aufgeht und Siena in
Sicht kommt, sind sie schon fast vergessen. Bei der ersten Verpflegungsstation bei Kilometer 47
ist es nun ganz hell und da sehe ich, welche Blutspur ich hinter mir gelassen haben muss. Das
Blut lief in den Handschuh, tropfte über den linken Oberschenkel bis auf Socken und Schuh.
Anstatt zu den Sanitätern zu gehen, frühstücke ich aber erst mal ausgiebig und trinke Kaffee,
den ich nach den drei Stunden Halbschlaf bitter nötig habe. Dermaßen gestärkt mache ich mich
wieder auf die Reise. Ich denke, es ist besser, die Wunde ausbluten zu lassen, als den Sanitätern
noch Guten Morgen zu sagen.
In Murlo muss man den ersten Kontrollstempel sammeln. Murlo ist ein Dörfchen auf einem
kleinen Kegel, dessen Dorfplatz man über einen Weg erreicht, der nur so breit wie ein Fußweg
ist. Natürlich unbefestigt. Und mindestens 12 % steil. Da ist es mir letztes Jahr schon nicht
gelungen, hinaufzufahren. Auch dieses Jahr wieder muss ich einem Vorausfahrenden ausweichen
und stecke im weichen Untergrund fest. Vom Dorfplatz durch ein Tor hinaus blickt man
auf einen noch schmaleren Weg hinunter, der auf die geteerte Straße führt. Ich schiebe lieber
gleich …
Etwa eineinhalb Kilometer auf der Straße, dann beginnt der längste Abschnitt einer strada
biancha: der Aufstieg nach Montalcino. Zuerst einige Kilometer flach, aber richtig schnell
fahren geht heuer im Gegensatz zum Vorjahr nicht. Viel zu riskant in den Kurven. Am Ende
einer Allee kündigt sich dann der Anstieg an, beginnend mit einem Straßenschild, welches 15 %
Steigung ankündigt. Das ist glatt gelogen. Die Piste fängt zwar mit 15 % an, bäumt sich dann
aber gleich zu 18 % auf und dabei bleibt es ziemlich lange. Ein Terrain bei dem ich mich immer
wohlfühle, und so entschwinden die anderen Fahrer bald hinter mir und ich kämpfe mich einsam
und alleine durch die Wälder und Weinberge hoch nach Montalcino, dem höchsten Punkt
der Tour, vorbei an der Stelle, wo ich 2010 zusammen mit Michael und Adrian der legendären
Giro-Etappe im strömenden Regen zuschaute. Dieser Anstieg ist sehr hart und der anstrengendste
der langen Tour. Danach geht es auf der Straße im rasenden Tempo die Serpentinen ins
Tal hinunter, bis rechts nach einigen Kilometern die nächste Stempel- und Verpflegungsstelle
kommt. Immer noch bluttropfend lasse ich mir jetzt die Wunde reinigen und mit Tesafilm
notdürftig etwas Mull umbinden. Es ist noch mehr als die Hälfte zu fahren und Dreck in der
Wunde wäre weniger gut. Derweil macht die Nachricht die Runde, daß es in Gaiole regne. Hhm,
soll ich die Runde später abkürzen? Aber zunächst geht es weiter auf den strade bianche den
nächsten Hügel hinauf – immer gleich nach dem Essen. Welches übrigens fantastisch ist: es
gibt Brote mit Salami und Schinken, Brot in Chianti und Zucker getaucht, Käse, Trauben, Nüsse,
Kuchen, Obst, Couscous, Kichererbsen, toskanische Suppeneintöpfe (an jeder Station einen
anderen – die muss man alle probieren!), Cantuccini. Die üblichen, künstlichen Energieriegel
sucht man hier zum Glück vergebens.
Wieder ein langer Abschnitt über die Schotterpisten mit herrlichen Panoramen in die toskanische
Hügellandschaft. Kurz vor Asciano, mal wieder auf Asphalt, schließen sich Fahrer
der 135 km Runde an. Dementsprechend ist es bei der nächsten Station in Asciano etwas voller.
Stempel, Suppe, Chianti, Käse, ein rohes Ei trinken, nochmal Suppe, photographieren lassen
und weiter geht’s. Es warten noch etwa 60 km und ab jetzt wird es richtig hart. Zur Erholung
geht es nach diversen steilen Hügeln auch einmal einige Kilometer flach auf den strade bianche
im Tal dahin. Jedoch wartet schon eine Serie von 18-prozentigen Rampen, die den berüchtigten
Aufstieg nach Monte Sante Marie bilden. Vielleicht ist die toskanische Landschaft dort unten
deswegen so schön, weil sie so symmetrisch ist: wenn es einen Hügel mit 18 % hinauf geht,
kommt nach einer nur einigen Metern langen Kuppe eine ebenso steile Abfahrt. Vor einer davon
fürchte ich mich diesesmal nach meinem Sturz in der Früh, in den Abgrund blickend, und entschliesse
mich, zu Fuß hinunterzugehen. Viele der Abfahrten sind so kriminell, daß man bergab
sowieso kaum schneller ist als bergauf … Dabei löst sich die Sohle meines linken Schuhs, was
bedeutet, daß ich bis zum Ende nur noch mit der Innensohle in die Pedale treten kann. Das
wird ein Vergnügen werden, vor allem im Wiegetritt …

Monte Sante Marie

Dieses Jahr aber gelingt es mir, den letzten und schwierigsten Teil hinauf nach Monte Sante
Marie auf dem Rad zu schaffen, indem ich mir meinen Weg freirufe, nicht daß das Hinterrad im
Schotter durchdreht. Das schwierigste überstanden, ein paar Regentropfen mitnehmend, geht
es auf einer wunderschönen Panoramapiste durch die Weinhügel entlang. Durch den leichten
Regen ist die Piste nicht mehr so staubig, mein Hals kratzt eh schon durch den Sand, den man
unweigerlich mit der Trinkflasche mitschluckt. Die letzte Verpflegung auf einem stimmungsvollen
Dorfplatz mit Musik naht. Dann wieder einige Kilometer Straße (wie langweilig) und plötzlich
»pfffhhht!«. Pffht – das war diesmal mein Reifen. Ein ständiges Bild bei der Eroica, schon
nach den ersten Kilometern: Fahrer am Straßenrand Reifen wechselnd. Ist mir bisher erspart
geblieben. Und das jetzt nach 180 Kilometern, wo ich fast im Ziel bin. Also gut, Reifen runter
und Ersatzreifen aufkleben. Das dauert eine Weile. Hoffentlich hält der den Rest durch, der ist
auch schon circa 30 Jahre alt …
Ich habe eigentlich die Möglichkeit, sicherheitshalber, direkt nach Gaiole zurückzufahren;
wären dann immerhin auch um die 195 km. An der Abzweigung in Pianella pumpe ich nochmals
Luft nach. Meine Motivation, die Tour richtig zu Ende zu fahren, besteht aus einer sehr guten
Flasche Chianti Classico vom Castello di Brolio, die nur die Teilnehmer erhalten, die die lange
Tour fahren, die Helden eben. Als Weinsammler kann ich mir das nicht entgehen lassen. Dazu
muss ich mir allerdings noch den letzten Kontrollstempel oben in Radda abholen. Also, links
abbiegen und dann geht’s gleich rechts wieder auf Schotterpisten den letzten großen und sehr
langen Anstieg nach Radda hinauf. Jedoch nicht mehr so steil, sondern recht gleichmäßig und
auch mal unter 10 % – Ausnahmen bestätigen die Eroica-Regel. Ab Radda ginge es eigentlich
schön stetig bergab auf Asphalt nach Gaiole hinein. Die Tour hat aber noch einen Abzweig
parat mit Gegenanstiegen, die 4000 Höhenmeter müssen ja irgendwie voll werden. Dann endlich,
bergab über eine letzte strada biancha an Vertine vorbei – selbstredend auch mit Gegenanstieg
– bevor es dann elendssteil wieder auf Asphalt direkt ins Dorf Gaiole geht. Ein umjubelter
Zieleinlauf, vor allem wenn man in die 209 km Zielspur einbiegt (in Wahrheit sind es 216 km),
ein Photo, Medaille – die Flasche Wein! Es ist kurz nach 18 Uhr, Astrid und Alfons erwarten
mich im Ziel, sie hatten sich für’s erste Mal die kurze, 75 km lange Runde vorgenommen, hatten
sie aber verkürzt, weil es näher um Gaiole herum richtig regnete, was ich auf meinem Ausflug
nicht mitbekommen habe. Ich stärke mich erstmal mit einer Pasta, Schinken und zwei Bechern
Chianti, bevor ich mich ihnen und vielen anderen Eroica-Freunden auf dem etwas entfernten
Campingplatz auf einem Berg oben anschließe, und weiter esse und trinke und schließlich endlich
wie ein Stein schlafe …
Viele habe ich auf der langen Runde mit richtig breiten und profilierten Crossreifen fahren
sehen. Was aufgrund der Pistenbeschaffenheit sicherlich vernünftiger ist, als mit 22 mm schmalen
Reifen versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Aber die 216 km der Eroica, die zu weit über
der Hälfte über die strade bianche führen, fährt man nicht aus Vernunft, sondern weil man
nicht alle Latten am Zaun hat. Und viele symphatische Gleichgesinnte trifft – die vor allem
Spaß haben, trotz widriger Umstände.

RC Druxs in Siena

RC Druxs in Gaiole

RC Druxs bei der L’Eroica

RC Druxs in Gaiole

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.